"Das Internet verändert unsere Demokratie"

#selbstgespräch: Plattformen sind eine weltweite strukturlose Impulsbörse

Klaus-Ulrich, du bist Experte für Kommunikation und Öffentliche Meinung. Zur Zeit prägen Begriffe wie FakeNews, shitstorms, political correctness, Lügenpresse oder postfaktische Welt die Debatten. Wie schätzt du das alles ein?

Ich sehe mehrere Entwicklungen, die mich in der Tat beunruhigen: Das Vertrauen in die klassischen Eliten, die früher die öffentliche Meinung geprägt haben, bricht radikal in sich zusammen. Wir sehen das etwa an den politischen Parteien, die sich gerade selbst zerlegen. Aber auch alles andere wird angezweifelt: Wenn junge Leute einem anonymen Blogger mit Kultstatus mehr glauben als einem DAX-Vorstand, dann läuft etwas gewaltig schief - oder ist Zeichen für eine massive Veränderung in der Gesellschaft.

Was verändert sich da gerade?

Mit dem Internet und auf den sozialen Plattformen wie Facebook, YouTube, Twitter, Instagram können sich weltweit drei Milliarden Menschen direkt, 24 Stunden am Tag, zu Wort melden - ohne Regeln, ohne Struktur, ohne einen ethischen Kompass. Alles ist erlaubt, alles geht, nichts wird zensiert (außer eventuell direkt volksverhetzenden Äußerungen). Wir können Fakten nicht mehr von Lügen trennen, erkennen dreist gefälschte Bilder nicht als solche, wissen nicht, ob Kampagnen von osteuropäischen Netzwerken gesteuert oder gleich von künstlichen Assistenten ausgehen.

Aber wir haben ja trotzdem den Eindruck, dass das alles wahnsinnig interessant ist, weil sich unser Horizont plötzlich erweitert und wir auf viel mehr Informationen zugreifen können als früher.

Das ist ein gewaltiger Irrtum. Ich halte das Web und die sozialen Plattformen für ein vordemokratisches Instrument. Einmal fördert das Web Subjektivismus statt Aufklärung. Ich suche als User dort nicht nach Wahrheiten, ich suche für meine subjektive Meinung nach möglichst vielen Likes und Shares. Das Netz beschleunigt einen sozialpsychologischen Trend, den wir seit langem kennen: Dass wir gerne jene Informationen aufnehmen, die uns in unserer Haltung bestätigen. Das nennt sich dort dann Filterblasen oder Echoräume. Und die Algorythmen der Plattformen beschleunigen diesen Prozess noch. Eigentlich sollten wir in der digitalen Welt aber unsere Fähigkeit schulen, uns zu öffnen für Neues. Drittens ist die Kommunikation im Netz nicht auf Kompromisse ausgelegt. Die Suche nach Kompromissen gehört aber zu den zivilen Errungenschaften der modernen Welt. Das Netz, die weltweit strukturlose Impulsbörse, wie ich sie nenne, wirft uns in eine vordemokratische Ordnung zurück, indem es den belohnt, der die meiste Zeit darauf verwendet, irgendeinen subjektiven Blödsinn zu posten.

Was ist daran schlimm?

Schlimm ist, dass eine hohe Zahl von Likes plötzlich Relevanz vorgaukelt. Wenn ein Video von einem Pianisten, der angeblich spontan auf einem Bahnhof tolle Stücke spielt, 32 Millionen Likes hat, teilen wir das gerne wie die Lemminge, weil wir es für "zeitgeistig" halten und es unsere Sehnsucht nach Spontaneität befriedigt, die wir selber so gerne hätten - ohne auch nur im Ansatz zu fragen, ob es sich nicht um eine gezielte Werbekampagne handelt mit gekauften Likes und Kommentaren und irgendwelchen "Influencern", die viel Geld dafür bekommen, dass sie ihre angebliche Neutralität zur Produktvermarktung einsetzen. Wir durchschauen die Prozesse überhaupt nicht mehr, wir wissen nicht, ob es sich um gefakte Bilder und Geschichten, um erfundene Romane oder Wahrheiten handelt. Man muss es so brutal sagen: Es gibt keine Fakten mehr im Netz, es gibt nur noch "Erlebnis- und Eindrucksräume".

Was forderst du? Was könnte helfen?

Man muss sich zum einen klar machen, dass sich hier die Struktur der Meinungsbildung in unserer Demokratie rasend schnell und massiv verändert. Gab es früher mit der Legislative, der Exekutive, der Jurisdiktion und der Presse als vierter kontrollierender Gewalt eine geregelte "state governance", kommt jetzt eine 5. Gewalt hinzu, die ich gerne nenne "Die einzelnen Vielen". Es ist eine Gruppe, die eine gewaltige, jedoch noch unstrukturierte Kraft entwickelt. Aber es ist eine Kraft, ohne die die neue Demokratie 4.0., die digitalisierte Demokratie, nicht denkbar ist. Es ist eine 5. Gewalt, für die weder Regeln festgelegt noch definiert ist, welche Rolle sie in unserer Gesellschaft spielen soll...

Mir fällt Basisdemokratie ein...

Richtig, das ist eine mögliche Folge, aber Basisdemokratie wäre auch in der bisherigen politischen Struktur denkbar. Ich denke, die neue Funktion geht weit darüber hinaus. Wobei es immer um das Ziel geht, dem "Netz" ein konstruktive, positive Rolle in der Entwicklung unserer Gesellschaft zuzuweisen. Wir merken ja, dass das nicht nur ein paar Spinner sind, die sich im Internet austoben. Jeder, auch jedes Unternehmen, das einen shitstorm überlebt hat, spürt, dass sich hier dramatisch etwas verändert.

Nochmal: Was schlägst du konkret vor?

Es ist viel zu früh für ein endgültiges Konzept. Der erste Schritt wäre, das eigene Verhalten im Netz zu strukturieren. Für mich sind die drei wichtigen Stichworte: Verantwortung, Skepsis und Kompetenz. Sich klar zu machen, dass jeder Post, auch der, den ich abends um 23 Uhr, heimelig am Schreibtisch sitzend, absetze, öffentlich ist. Und was öffentlich ist, habe ich nicht mehr unter Kontrolle. Entsprechend verantwortlich muss ich abwägen, was ich poste, teile, like. Das berüchtigte Sexting unter Schülern ist nur ein Beispiel dafür. Zweitens: "Skepsis ist das neue Vertrauen". Vertrauen ist im Netz völlig fehl am Platz. "Überlegte Skepsis" wird zu einer der wichtigsten positiven Fähigkeiten im Netz: Mißtraue allem, was du siehst, hörst und liest. Frage dich, warum du gerade das, was da angeblich jemand schreibt, glauben. Mißtraue allem. Da müssen wir ganz radikal sein.

Warum fehlt es aber offenbar an all dem, was du da beschreibst?

Weil unser Bildungssystem völlg falsch aufgestellt ist. 90 Prozent der Jugendlichen nutzen Facebook und andere Plattformen, Trend steigend. 35 Prozent von ihnen "vertrauen" dem, was im Internet steht. Es ist ja das Kult-Tool, dem man nicht mißtraut. Es fehlen aber fundamentale soziale, mediale und digitale Kenntnisse. Was ich auslöse mit Posts von Bildern einer nackten Mitschülerin, sehen die meisten erst, wenn es zu spät ist. Wie ich die Echtheit von Posts prüfe, ist den meisten völlig unbekannt. Und welche Wirkung Posts und Sharings haben können, was es bedeutet, "öffentlich" zu sein, das bringt ihnen niemand bei. Es ist erschreckend, wie langsam das Bildungssystem hierauf reagiert - in der Regel gar nicht.

Gibt es noch einen positiven Ausblick zum Schluss?

Es gäbe noch viele Punkte, aber wichtig scheint mir zu sein, wie wir es schaffen, dem "Netz" und den sozialen Plattformen eine konstruktive Rolle in der Gesellschaftsverfassung zu geben. Ich würde hier gerne das Wort "Network-Management" einführen, in dem ich gewaltiges Potential sehe. Das Netz ist frei von Hierarchien und Bürokratie. Das ist ein gewaltiger Vorteil gegenüber unseren schwerfälligen Organisationen, Verbänden, Parteien. Zweitens hat jedes Mitglied eine lokale Verwurzelung. Es lebt irgendwo, ist an einem bestimmten Platz zu Hause. Beide Vorteile - grassroute und Freiheit von Organisation - ließen sich konstruktiv so definieren: Die 5. Gewalt ist eine grassroute-Bewegung, die Ideeen, Lösungen, direkt an die Menschen vor Ort heranbringt. Die in volatilen Gruppen Lösungen entwickelt und in der Form freier und unabhängiger Panels eine neue Organisationsform in der Demokratie darstellt. Das zumindest wäre meine Vision.

#selbstgespräch No 1 - 28.11. 2018

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 Zeitgeist- & Business KeyNote Speaker Dr. Moeller

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