Was hat Oettinger falsch gemacht?

31.10.2016

 

Was eigentlich hat EU-Kommissar Günther Oettinger in seiner sogenannten "Skandal"-Rede vor Hamburger Unternehmern (Oktober 2016) falsch gemacht? Leichte Scherze über die Chinesen, Ex-Bundeskanzler Schröder oder die Homo-Ehe werden täglich in dutzenden Vorträgen gemacht, ohne dass es Rücktrittsforderungen hagelt und Hass-Tiraden im Netz. Und endlich, ​

​so sagen andere, durchbricht mal jemand diese Wand von Sprachmüll, Plastikformeln in Politik und Wirtschaft - und schon wird er gemobbt. Wie also sollen wir die Rede beurteilen?

 

Die "Academy for Top Strategic & Business Speaking" erklärt, was, über jede subjektive Wertung hinaus, Günther Oettinger handwerklich und fachlich-rhetorisch hätte anders machen können. Dabei ist wesentlich zu berücksichtigen, dass nur wenige kleine Ausschnitte einer viel längeren Rede veröffentlicht wurden. Hier sind die vier wichtigsten Punkte:

 

1. Oettinger hat einen Vortrag gehalten über die weltweiten Herausforderungen, die Deutschland seiner Meinung nach unterschätzt und auf die es nicht ausreichend vorbereitet ist. Der Vortrag war ernst in der Tonlage und ernst, was die Botschaft angeht. Entsprechend ernst war auch der Aufnahme-Modus seines Publikums. Ein Wechsel in der Tonalität einer Rede, wie hier von ernsthaft auf witzig, ist ausgesprochen schwierig und wird vom Publikum oft falsch wahrgenommen. Eingebettet in einen ansonsten sehr ernsten Vortrag geraten auch locker und witzig gemeinte Bemerkungen oftmals viel zu ernst - weil der Redner sein Publikum darauf nicht ausreichend vorbereitet. Das hat Oettinger offenbar unterschätzt. Indem er das Publikum darauf vorbereitet, dass das Thema durchaus auch seine sarkastischen Seiten hat, hätte er seinen Äußerungen den vermeintlichen Ernst nehmen können.

 

2. Die Beispiele, die Oettinger in seine Rede einflicht - etwa die zehn Chinesen, die mit mit Schuhcreme gebürstetem Einheitshaar vor ihm stehen, keine Frau dabei und undemokratisch - führen nicht zielgenau zu dem, was er eigentlich transportieren will: Dass die Chinesen unbeirrt eine gefährliche Strategie in der Digitalisierung verfolgen. Die Beispiele sind nicht geeignet, das zu unterstreichen, was er sagen will: Dass in der chinesischen Delegation keine Frau dabei ist, belegt nicht, dass die Chinesen eine gefährliche Strategie verfolgen. Vielmehr wirken die Beispiele ziemlich wahllos. Hier ist die Rede strategisch nicht gut vorbereitet worden und offensichtlich ist Oettinger diese Passage auch spontan eingefallen - was immer ein extrem gefährliches Unterfangen ist.

 

3. Darf ein Redner, wenn er sich über die Berliner Politik mokiert, als herbeigeholtes Beispiel von einer "wahrscheinlich bald kommenden Pflicht zur Homo-Ehe" sprechen? Natürlich darf er. Daran ist weder etwas verwerflich noch randgruppenfeindlich. Dass SPD-Ministerin Schwesig ihn hart beschimpft, ist Wahlkampf-Rhetorik "at its worst" - das fast reflexartige ​

​Reagieren in der Politik auf vermeintlich "unpassende" Äußerungen bringt ein künstlich intelligenter Roboter intelligenter hin als als ein menschlich intelligenter Politiker. Dennoch hätte Oettinger auch hier rhetorische Möglichkeiten gehabt, das Thema Homo-Ehe in eine im Sprach-Tempo beschleunigte Reihe von 3-4 Beispielen zu integrieren, zack, zack, zack, zack, die dem einzelnen

Beispiel noch einmal zusätzlich seine Brisanz genommen hätte.

 

4. Oettinger eilt der Ruf eines schlechten Redners voraus, der auch öfters "in Fettnäpfchen" tritt. Wenn ich das weiß, muss ich dem in meinen Vorträgen Rechnung tragen. Ich könnte etwa durchaus auf der Seite "strategischer Weitblick" durch gute,

zukunftsweisende Reden ein neues Profil von mir aufbauen, das mich als Politiker zeigt, der weit über die Parteigrenzen

hinaus die globale Lage analysiert und entsprechend weit "oberhalb" der Tagespolitik agiert. Gerade dann aber darf ich mich - auch in kleinen Sequenzen - nicht mehr auf die Ebene der parteitaktisch getriebenen Rhetorik begeben. Auch hier, möglicherweise, ein Fehler, weil man sich diese "Seitenhiebe" eben doch nicht verkneifen kann. Diese Doppelrolle hat

Oettinger in seinem Vortrag eindeutig geschadet.

 

Was meinen SIE?

 

Ihr/Euer

Dr. Klaus-Ulrich Moeller

 

 

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 Zeitgeist- & Business KeyNote Speaker Dr. Moeller

Erlenbadstraße 73 - 77880 Sasbach/Germany - moeller@top-global-speaking.net

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