Ist der Zeitgeist links oder rechts - oder gar nicht?

Kürzlich hat Sarah Wagenknecht die Gründung ihrer neuen Sammlungsbewegung "Aufstehen" damit begründet, der Zeitgeist sei links - und daher sei es eben an der Zeit, so eine Bewegung zu gründen. Das wird vor allem die SPD freuen, die davon noch nicht viel merkt und bei ihren 17 Prozent weiter rumdümpelt. Und immerhin 70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland wünschen sich in Umfragen mehr Gerechtigkeit und bessere und gerechtere soziale Leistungen, was für den linken Zeitgeist sprechen könnte. Dennoch ist die Begründung von Sarah Wagenknecht interessant, weil uns sonst ja eher gesagt wird, der momentane Zeitgeist sei rechts und populistisch - mit Blick auf die Stärke der AfD und der starken nationalen Bewegungen in Italien, Ungarn, Dänemark oder Frankreich sicher nicht ohne Grund. Was also nun? Ist beides richtig? Oder beides falsch? Oder muss man alles ganz anders sehen.

 

Offenbar spiegelt der Zeitgeist insgesamt die momentane Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit unserer Gesellschaft, wie wir an vielen Beispielen ausmachen können: Einerseits steht die politisch korrekte Sprache hoch im Kurs und bei Gottes Verdammnis dürfen wir Randgruppen sprachlich nicht diskriminieren, andererseits kennen wir im Internet keinerlei Rücksicht und hauen uns verbal und emotional gegenseitig die Schädel ein, egal ob es um veganes Essen oder die Frage geht, ob Jäger Mörder oder Beschützer der Natur sind. Es ist zeitgeistig chic, disruptiv zu sein und auch mal Regeln zu brechen, etwa in Unternehmen; andererseits herrscht allerhöchste Disziplin, wenn es um ein Fitnessprogramm für unsere Gesundheit oder unsere Diät oder die Einnahme von Medikamenten geht. Nie würde uns in den Sinn kommen, hier die Regeln zu brechen - nur das eiserne Verfolgen der Regeln und des verordneten Programms gilt und geht gesellschaftlich durch.

 

Ein Freund regte bei diesem Beispiel sarkastisch an, dass man dann wohl eine Regel aufstellen müsse, die regelt, wann man eine Regel brechen darf und wann nicht. Wenn es dann Regeln gibt, die nicht gebrochen werden dürfen, stellt sich in der Tat die Frage, ob diese Regel, die man nicht brechen darf, nicht gerade deshalb gebrochen werden müsste. Ein drittes Beispiel: Der Zeitgeist, so hat es das Institut Allensbach herausgefunden, ist, so die Meinungsforscher, "grün und weiblich und mobil". Ganz oben auf der Zeitgeist-Liste stehen Bioprodukte und Gesundheit, ganz unten Marktwirtschaft und Leistungsbereitschaft. Obwohl wir täglich unsere Leistung am Arbeitsplatz bringen müssen und die Marktwirtschaft uns unser Einkommen sichert, finden wir das weder hip noch sexy oder cool. Unsere eigene tägliche Existenz werten wir in einer Art und Weise ab, dass wir uns über die steigende Zahl der burnouts und Depressionen nicht wundern müssen. Hier finden wir eine weitere Eigenschaft des Zeitgeistes: Der Zeitgeist spiegelt oft gar nicht die Realität ab, sondern nur das, von dem wir glauben, dass man es heute glauben muss. Den 70 Prozent etwa, die Bioprodukte für zeitgeistig halten, stehen jene einsamen 4 Prozent gegenüber, die regelmäßig wirklich Bioprodukte kaufen und konsumieren.

 

Der Zeitgeist polarisiert also offenbar, er zeigt uns die gewaltige Lücke zwischen Realität und Wunschdenken, zwischen gedachter Mehrheit und dem realen Meinungsbild. Was Menschen wirklich denken, bildet der Zeitgeist nicht ab. Er bildet ab, was wir glauben, denken und tun zu müssen, um als modern und weltoffen zu gelten. Das, was wir wirklich denken, kann ganz anders aussehen. Wenn der Zeitgeist also in hohem Maße polarisiert, dann kann er durchaus links und rechts gleichzeitig sein. Er zeigt uns damit nur, dass außenseitige Positionen in der Gesellschaft hoch im Kurs stehen und die sogenannte "Mitte" an Bedeutung verliert. Wir spüren das in der Berichterstattung der Medien, die sich überproportional um Randgruppen und Minderheiten sorgt genauso wie in der Agenda der Politik, in der ebenfalls stark um die Ränder und nicht um die Mitte herum gedacht wird. Mit der wirtschaftlichen und sozioökonomischen Realität hat das wenig zu tun. Es hat, und das macht mir persönlich viel mehr Sorge, eher damit zu tun, dass der Zeitgeist "leistungsfeindlich" ist. Der Zeitgeist sortiert viele von uns aus. Das ist weder für unsere Gesellschaft gut, noch für jeden einzelnen von uns. Zur eigenen Leistung zu stehen würde helfen, einen neuen "Zeitgeist" zu schaffen.

 

Obersasbach 30.8.2018 - Folge 2 des Zeitgeist-Blogs "Leistung ohne Pizza" am 10. September 2018

 

 

 

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